Der siebenjährige Leon steht vor der Schultür und weigert sich einzutreten. Seine Mutter blickt ratlos auf ihr Kind, das vor Angst zittert. "Was, wenn ich die Mathearbeit nicht schaffe?", flüstert er. Die Szene ist alltäglich. Und die Reaktion vieler Eltern ebenso: "Mach dir keine Sorgen, das wird schon." Doch hilft dieser gut gemeinte Zuspruch wirklich? Oder rauben wir Kindern damit etwas, das sie für ihre Entwicklung dringend brauchen?
In einer Gesellschaft, die Perfektion und permanentes Wohlbefinden propagiert, gelten Sorgen als Problem. Ängstliche Kinder sollen beruhigt, ihre Gedanken zerstreut werden. Eltern wollen ihre Kinder schützen, ihnen Kummer ersparen. Dabei übersehen sie: Sorgen sind kein Fehler im System, sondern ein wichtiger Bestandteil der seelischen Entwicklung.
Entwicklungsbedingte Ängste gehören zum Großwerden
Die meisten kindlichen Ängste sind typisch für ein bestimmtes Alter. Kleinkinder fürchten sich vor Trennung, Vierjährige vor Monstern, Grundschulkinder vor Versagen. Diese Ängste kommen und gehen, sie sind Teil des Reifeprozesses. Kinder lernen dabei, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen. Sie erfahren, dass Angst nicht tödlich ist und dass sie Strategien entwickeln können, um damit fertig zu werden.
Die Forschung zeigt: Kinder, die lernen dürfen, ihre Sorgen zu bewältigen, entwickeln eine höhere psychische Widerstandsfähigkeit. Die legendäre Kauai-Studie der Entwicklungspsychologinnen Emmy Werner und Ruth Smith begleitete 698 Kinder über 40 Jahre (Werner & Smith, 1982). Ein Drittel der Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufwuchsen, entwickelte trotzdem eine stabile Persönlichkeit. Sie hatten gelernt, Belastungen aktiv zu begegnen, statt vor ihnen davonzulaufen.
Neuere Untersuchungen bestätigen diesen Befund.
"Resiliente Studienteilnehmer, die dazu neigten, negative Ereignisse mit Hartnäckigkeit, Zuversicht und aktivem Problemlösen zu meistern, hatten keine erhöhten Ängste oder Depressionen."
So fasst Manfred Beutel von der Universitätsmedizin Mainz die Ergebnisse einer repräsentativen Studie von 2017 zusammen. Der entscheidende Punkt: Diese Menschen hatten Belastungen nicht vermieden, sondern durchlebt und bewältigt.
Wenn Eltern zu viel abnehmen
Das Problem beginnt, wenn Eltern versuchen, jede Sorge ihrer Kinder zu eliminieren. Sie rufen in der Schule an, regeln Konflikte mit Freunden, nehmen dem Kind jede Herausforderung ab. Überbehütung mag aus Liebe geschehen, doch sie verhindert genau das, was Kinder für ein stabiles Leben brauchen: die Erfahrung, selbst mit Schwierigkeiten fertig zu werden.
Kinder, die nie lernen, mit Sorgen umzugehen, entwickeln paradoxerweise oft größere Ängste im späteren Leben. Sie haben nie die Erfahrung gemacht, dass sie selbst etwas bewirken können. Ihnen fehlt das Gefühl der Selbstwirksamkeit, das entsteht, wenn man eine schwierige Situation gemeistert hat.
Die Psychologin Luise Poustka, Ärztliche Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, beobachtet einen Anstieg von Angststörungen bei Jugendlichen. Viele hätten nie gelernt, mit normalen Alltagssorgen umzugehen. "Es ist wichtig, dass Kinder wissen, was von ihnen erwartet wird, während sie gleichzeitig Wärme und Empathie zu spüren bekommen", erklärt sie. Klare Erwartungen und gleichzeitig Unterstützung, das sei die Balance.
Der Unterschied zwischen normalen Sorgen und krankhaften Ängsten
Natürlich gibt es Grenzen. Nicht jede Sorge ist förderlich für die Entwicklung. Wenn Kinder über Wochen hinweg unter intensiven Ängsten leiden, wenn sie nicht mehr schlafen können, wenn Sorgen den Alltag beherrschen, dann ist das ein Warnsignal. Dann braucht es professionelle Hilfe.
Die meisten Kinderängste sind jedoch zeitlich begrenzt und verschwinden, wenn das Kind die entsprechende Entwicklungsphase durchschritten hat. Wichtig ist, dass Erwachsene diese Ängste ernst nehmen, ohne sie zu dramatisieren. "Ach, das ist doch nichts" hilft ebenso wenig wie "Oh Gott, du Armes". Beides nimmt das Kind nicht ernst.
Was Eltern tun können
Eltern können ihre Kinder am besten unterstützen, indem sie präsent sind, ohne zu übernehmen. Wenn Leon Angst vor der Mathearbeit hat, hilft es nicht zu sagen "Mach dir keine Sorgen". Besser ist es zu fragen: "Was genau macht dir Angst?" und dann gemeinsam zu überlegen: "Was könntest du tun, um dich besser vorzubereiten?"
So lernt das Kind, seine Gefühle zu benennen und Lösungen zu entwickeln. Es erfährt: Ich bin mit meinen Sorgen nicht allein, aber ich kann selbst etwas tun. Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist der Kern von Resilienz.
Auch das Vorleben hilft. Wenn Eltern offen über eigene Sorgen sprechen und zeigen, wie sie damit umgehen, gibt das Kindern ein Modell. "Ich bin auch manchmal unsicher vor wichtigen Terminen. Dann bereite ich mich gut vor und atme tief durch" ist authentischer als die Behauptung, man habe nie Angst.
Sorgen als Rohstoff für innere Stärke
Die Forschung zur Resilienz zeigt: Nicht die Abwesenheit von Problemen macht stark, sondern die Bewältigung von Problemen. Kinder brauchen Herausforderungen, an denen sie wachsen können. Dazu gehören auch Sorgen und Ängste.
Die BELLA-Studie, eine umfassende Untersuchung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (Ravens-Sieberer et al., 2007), ergab: Kinder mit stabilen Bindungen und der Möglichkeit, Probleme selbst zu lösen, entwickeln bessere Bewältigungsstrategien. Sie lernen, dass Schwierigkeiten zum Leben gehören und überwunden werden können.
Eltern tun ihren Kindern also keinen Gefallen, wenn sie ihnen jede Sorge abnehmen. Sie rauben ihnen das Training, das sie für ein psychisch stabiles Leben brauchen. Besser ist es, das Kind zu begleiten, ihm zuzuhören, es zu ermutigen, aber nicht zu übernehmen.
Und manchmal bedeutet das auch, ein weinendes Kind auszuhalten, das sich vor der Klassenarbeit fürchtet. Das ist schwer für Eltern, die ihr Kind lieben. Doch genau hier liegt die Chance: zu lernen, dass Sorgen nicht das Ende der Welt bedeuten. Sondern ein Anfang.

