Ein Ping. Noch einer. Die E-Mail, die gerade eintraf, markiert sich selbst als dringend. Gleichzeitig blinkt eine Nachricht im Intranet, ein Kollege ruft an, und irgendwo vibriert das Smartphone. Sandra, 49, Projektmanagerin in einem mittelständischen Unternehmen, kennt diesen Moment jeden Tag. Früher half ihr die Digitalisierung, effizienter zu arbeiten. Heute fühlt sie sich davon überrollt.
82 Prozent der Deutschen fühlen sich durch die steigende Informationsflut gestresst. Das ergab eine Studie von OpenText aus dem Jahr 2022. Noch 2020 waren es lediglich 43 Prozent. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die digitale Belastung verdoppelt, obwohl eigentlich das Gegenteil eintreten sollte. Die Tools sollten uns helfen, nicht belasten.
Das Paradox der digitalen Entlastung
Die Ironie ist kaum zu übersehen: Digitale Werkzeuge wurden entwickelt, um Arbeitsprozesse zu erleichtern. E-Mails sollten Briefe ersetzen und Zeit sparen. Kollaborationsplattformen sollten Meetings reduzieren. Smartphones sollten uns flexibler machen. Stattdessen erleben wir das Gegenteil. Die versprochene Entlastung ist zur Quelle permanenter Überlastung geworden.
„Die Digitalisierung hat manches erleichtert, aber die Komplexität im beruflichen und privaten Leben massiv erhöht", erklärt Annika Piecha, Arbeits- und Organisationspsychologin an der Technischen Universität Dresden. Ihre Forschung zur Informationsflut am Arbeitsplatz zeigt: Nicht die Digitalisierung an sich macht krank, sondern wie wir damit umgehen.
„Wir hatten keine Zeit, uns an die digitale Umwelt anzupassen."Anastasia Kozyreva, Psychologin
Das Problem entsteht, wenn die Anforderungen an die Informationsverarbeitung die vorhandene Kapazität übersteigen. Zu viele Informationen in zu kurzer Zeit. Zu wenig Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig. Zu viele parallele Aufträge, die alle gleichzeitig bearbeitet werden wollen.
Wenn der Körper in Alarmbereitschaft bleibt
Chronischer Stress durch digitale Überflutung ist mehr als ein unangenehmes Gefühl. Er versetzt den Körper in einen Dauerzustand der Alarmbereitschaft. Die Stresshormone Cortisol und Noradrenalin bleiben erhöht. Das Immunsystem fährt herunter. Die Gedächtnisleistung verschlechtert sich.
Studien der Techniker Krankenkasse belegen: 17,5 Prozent aller Fehltage in Deutschland sind auf psychische Leiden wie Stress, Burnout oder Depressionen zurückzuführen. Die Zahlen steigen. Menschen mit hoher Stressbelastung leiden häufiger unter Schlafstörungen, Kopfschmerzen und erhöhter Infektanfälligkeit. 60 Prozent derer, die selten gestresst sind, bezeichnen ihren Gesundheitszustand als gut. Bei häufig Gestressten sind es nur noch 38 Prozent.
Eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts (Hapke et al., 2013) fand heraus, dass 13,9 Prozent der Frauen und 8,2 Prozent der Männer in Deutschland unter starkem chronischen Stress leiden. Besonders betroffen: Menschen mit geringer sozialer Unterstützung. Bei ihnen liegt die Quote bei 26,2 Prozent.
Unterbrechungen als heimliche Produktivitätskiller
Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts kennt keine Ruhe mehr. Wer in einem Büro arbeitet, wird durchschnittlich 70-mal pro Tag unterbrochen. E-Mails, Anrufe, Nachrichten im Intranet, Kollegen mit Fragen. Nach jeder Unterbrechung dauert es etwa 24 Minuten, bis die ursprüngliche Tätigkeit wieder aufgenommen wird. Ein Viertel der Arbeit wird gar nicht mehr fortgeführt.
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin identifizierte vier zentrale Komponenten der Informationsflut: Die schiere Menge an Informationen, die Anzahl der daraus resultierenden Aufträge, die Qualität der Informationen und die Unterbrechungen durch digitale Medien. Die Folgen? Psychische Ermüdung, Frustration, Gereiztheit. Menschen legen ein Hetztempo ein, lassen Pausen aus, die Arbeitsqualität sinkt.
„Menschen mit chronisch neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Parkinson oder Migräne reagieren besonders sensibel auf chronischen Stress", sagt Prof. Dr. Frank Erbguth von der Deutschen Hirnstiftung. Der Stress verstärkt Symptome und kann zu häufigeren Krankheitsschüben führen. Die Stresshormone bewirken eine Neuroinflammation, eine Entzündung des Nervengewebes, weil die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger wird.
Die Altersgruppe der Sandwich-Generation
Am stärksten betroffen sind die 30- bis 45-Jährigen. Laut DKV-Studie pflegen nur 35 Prozent dieser Altersgruppe einen gesunden Umgang mit Stress. Bei den über 66-Jährigen sind es 63 Prozent. Der Unterschied erklärt sich durch die Lebensrealität: Beruf, Familienleben mit kleinen Kindern, pflegebedürftige Eltern. Dazu kommt die permanente digitale Erreichbarkeit.
Eine Sonderbefragung der Initiative für Gesundheit und Arbeit zeigte 2021: Von mehr als der Hälfte der mobil Arbeitenden wird erwartet, auch in der Freizeit beruflich erreichbar zu sein. 60 Prozent dieser Gruppe fühlen sich durch ständige Erreichbarkeit belastet.
Interessanterweise sank die Zufriedenheit mit den digitalen Tools trotz deren Zunahme. 2020 fühlten sich 63 Prozent der Beschäftigten gut für die Arbeit im Homeoffice ausgestattet. 2022 waren es nur noch 42 Prozent. Die Anzahl der Tools stieg, die Zufriedenheit sank. Ein paradoxer Effekt, der zeigt: Mehr ist nicht besser.
Was hilft gegen die digitale Überflutung
Die Forschung zeigt: Resilienz gegenüber Stress lässt sich trainieren. Eine Studie der Charité Berlin (Veer et al., 2021) mit 16.000 europäischen Teilnehmern ergab, dass eine positive Einschätzung von Situationen essenziell für mentale Resilienz ist. Menschen mit einem positiven Bewertungsstil zeigten weniger psychologische Probleme, selbst wenn sie erheblichen Widrigkeiten ausgesetzt waren.
Einige Unternehmen haben bereits reagiert. Deutsche Konzerne unterbinden E-Mail-Kommunikation nach Feierabend. Daimler löscht automatisch Mails, die während des Urlaubs geschickt werden. Solche Maßnahmen können helfen, doch sie greifen nur, wenn auch die Unternehmenskultur mitspielt.
„Wir brauchen dringend Strategien, um zumindest ein gewisses Maß an Kontrolle zurückzugewinnen."Anastasia Kozyreva, Psychologin
Individuelle Strategien sind ebenso wichtig. Kritisches Ignorieren, die bewusste Entscheidung, bestimmte Informationen nicht zur Kenntnis zu nehmen, ist mittlerweile ebenso relevant wie kritisches Denken. Es geht nicht darum, sich komplett abzuschotten. Es geht darum, qualitativ hochwertige Quellen auszuwählen und den Rest gezielt auszublenden.
Die Verantwortung liegt bei allen
Effektive Kommunikation entsteht durch die Beteiligung aller. Vom Sachbearbeiter bis zur Führungskraft. Vorgesetzte müssen vorleben, was sie von anderen erwarten. Informationsmanagement ist keine technische Frage, sondern eine organisatorische und kulturelle.
Die Quellen der Informationsflut liegen häufig in der Gestaltung der Arbeitsaufgabe, der Arbeitsorganisation und dem Umgang mit Informationen. Wer schickt wem was? Und warum? In einem Klima der Unsicherheit tendieren Menschen dazu, noch mehr Informationen an noch mehr Personen zu schicken, um sich abzusichern. Das verschärft das Problem.
Ein einfacher Schritt kann helfen: In den ersten drei Zeilen einer E-Mail sollte das Anliegen klar sein. Wer das nicht schafft, hat seine Gedanken nicht zu Ende gedacht. Weniger ist mehr. Klarheit schlägt Vollständigkeit.
Die Digitalisierung ist nicht das Problem. Wie wir sie nutzen, das ist entscheidend. Die Tools sind da. Jetzt müssen wir lernen, sie so einzusetzen, dass sie uns wirklich entlasten. Sonst bleibt die versprochene Erleichterung das, was sie für viele bereits geworden ist: eine Last.

