Es ist dunkel, keine Läufer in Sicht. Der letzte Verpflegungspunkt liegt ein paar Hundert Meter zurück. Gut 15 Stunden nach dem Schwimmstart im spanischen Peníscola verirrt sich ein Mann in der Nacht beim finalen Marathon des Hispaman 2019. Die reflektierenden Wegmarkierungen sieht er nicht, folgt stattdessen dem Glitzern des Gesteins im Schein seiner Stirnlampe. Irgendwann fragt er Athleten im Bus nach dem Weg, lässt sich Instruktionen geben und findet 30 Minuten später zurück auf die Strecke. Gut vier Stunden später erreicht er nach 19 Stunden und 38 Minuten das Ziel in Villabella del Maestrat. Nicht ohne eine weitere Orientierungslosigkeit samt Anruf bei der Rennleitung, wo er überhaupt wäre.
Was damals alles durch den Kopf ging? Dass er vielleicht scheitern könnte, den Langdistanztriathlon nicht beenden würde. Dass er das schlimmstenfalls akzeptieren müsste. Aber dass er erst aufhöre, wenn man ihn stoppe. Nur dann wüsste er: Ich habe alles versucht, dann ist das okay.
Dickköpfig oder resilient? Was wie eine Geschichte über mentale Stärke klingt, wirft eine heikle Frage auf: Wo genau verläuft die Grenze zwischen bewundernswertem Durchhaltevermögen und stumpfer Sturheit?
Wenn Beharrlichkeit blind macht
Im Ausdauersport wird diese Fähigkeit bei wettbewerbsorientierten Menschen öfter gefordert als in anderen Hobbys. Denn an der Grenze der eigenen physischen Leistungsfähigkeit bedarf es des Willens, der Kraft, Probleme zu überwinden, oder schlicht der Sturheit, um den Körper zu überreden, sich weiter zu schinden.
Sie schleppen alles an Knochen und Gewebe mit, wenn es unbedingt sein muss. Was sein muss, das entscheiden wir am Ende selbst. Dies ist keine Sportkolumne, keine psychotherapeutische Beratung. Und Experten raten zu vielen Dingen, wenn es darum geht, in harten Zeiten Resilienz zu zeigen.
Auf dem Trail eines Rennens, in dem gefühlt jeder andere Athlet einen schon abgehängt hat und Sie drohen, das Ziel zu spät zu erreichen, nützen einem Übungen zur Achtsamkeit nur wenig. Da muss es stumpf vorangehen. Wie eine Maschine, taub für Argumente, blind für Hindernisse.
Die Wissenschaft der Beharrlichkeit
Resilienz, das wissen Forscher längst, ist mehr als nur Durchhaltevermögen. Die amerikanische Psychologin Emmy Werner zeigte in ihrer jahrzehntelangen Studie auf der hawaiianischen Insel Kauai, dass etwa ein Drittel der Risikokinder trotz schwerer Startbedingungen ein erfülltes Leben führte. Diese Kinder verfügten über stabile soziale Kontakte, ein realistisches Selbstbild und die Fähigkeit, ihr Leben als sinnvoll zu erachten.
Doch Resilienz ist nicht gleich Sturheit. Eine aktuelle Studie aus Deutschland zeigt: Rigidität, also das Feststecken in starren Verhaltensmustern, beeinträchtigt das Wohlbefinden stark (Westhoff et al., 2024, Scientific Reports). 114 junge Erwachsene beantworteten drei Wochen lang jeweils fünfmal am Tag Fragen zu ihrer psychologischen Flexibilität.
Dabei stellte sich Rigidität als der einflussreichste Faktor heraus. Wenn wir den Eindruck haben festzustecken und unser Verhalten nicht flexibel anpassen können, scheint das weitere Schwierigkeiten im Umgang mit Gedanken und Gefühlen auszulösen.
"Feststecken in starren Verhaltensmustern kann unser Wohlbefinden stark beeinträchtigen."
Die problematischen Phasen, die es durchaus wie in jedem Leben gab, hat der Ultraathlet mit der gleichen Haltung durchlebt: Das sind meine Prioritäten, denen ordne ich alles unter, das ist, was zählt, das bestimmt den Weg. Denn die entscheidende Voraussetzung für erfolgreiche Sturheit (und ihr feineres Geschwisterchen Resilienz) ist eine absolut klare Vorstellung von dem Warum.
Wenn Sie genau sagen können, warum Sie etwas machen wollen
Dann können die Widerstände Sie vielleicht bremsen, aber kaum aufhalten. Ob resiliente Menschen im Ausdauersport ihre Veranlagung ausnutzen oder ob Ausdauersportler Resilienz erlernen und übertragen, das sollen andere entscheiden.
Noch tut sich die Wissenschaft schwer. Studien deuten darauf hin, dass charakterlich angelegte Resilienz dazu verleitet, Ausdauersport zu beginnen, der dann wieder die vorhandene Resilienz verstärkt.
Ich selbst bin einfach faul, wollte nie schnell sein und war folgerichtig als Kind lieber auf 1000 Meter Dauerlauf unterwegs als auf 100 Meter Sprint. Noch heute bevorzuge ich den Langdistanztriathlon gegenüber den kürzeren Versionen, weil ich mich da nicht so hetzen und beeilen muss.
Mit Resilienz hat das nichst zu tun. Wenn doch, soll mir erst mal einer das Gegenteil beweisen. Solange bleib' ich stur bei meiner Meinung.
Der schmale Grat
Als ich im Krankenwagen saß, kam ein Athlet auf mich zu und fragte, ob er von meinen Radschuhen die Pedal-Cleats haben dürfte, seine waren defekt. Natürlich stimmte ich zu, aber erst nach einer endgültigen Entscheidung der Sanitäter, dass ich zumindest keinesfalls weiter Fahrrad fahren dürfe. Ich hätte mich wohl wieder daraufgesetzt, wenn man mich nicht gestoppt hätte.
Das ist natürlich nicht sonderlich vernünftig. Doch so, wie der Baumstumpf oben im Bild Triebe ausschlägt, weil er nur eines will: weiterwachsen, so klammere ich mich an meine Vorhaben. Die Verkehrsschilder sagen, da käme man zu Fuß oder mit dem Rad nicht durch? Das will ich sehen.
Und wovor laufen Sie davon?

