Morgens, kurz nach sieben
Der Wecker klingelt. Cortisol flutet den Körper, ein chemischer Weckruf, der uns aus dem Schlaf holt. Später, auf dem Weg zur Arbeit, rennen wir dem Tram hinterher. Das Herz pocht, Adrenalin schießt durch die Adern. Geschafft. Im Büro angekommen, fährt der Körper die Stresshormone wieder herunter. Alles läuft nach Plan. So sieht gesunder Stress aus: ein Auf und Ab, ein Tanz zwischen Anspannung und Entspannung.
Doch was, wenn das Rennen nie aufhört? Wenn der Körper ständig auf Hochtouren läuft, getrieben von einem unsichtbaren Motor, der keine Pause kennt? Laut der aktuellen Sanitas Health Forecast Studie 2025 fühlt sich ein Viertel der Schweizer Bevölkerung häufig gestresst. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 40 Prozent. Chronischer Stress ist längst kein Randphänomen mehr. Er sitzt in Büros, Küchen und Kinderzimmern. Die Frage ist nicht mehr, ob wir Stress haben. Sondern: Wie gehen wir damit um?
Resilienz ist keine Eigenschaft
Viele denken, Resilienz sei eine Art seelische Rüstung. Ein Charakterzug, den manche haben und andere eben nicht. Oder noch besser: ein Gen, das uns vor den Stürmen des Lebens schützt. Doch das stimmt nicht, sagt Birgit Kleim, Psychologin an der Universität Zürich. Sie leitet gemeinsam mit der Neurobiologin Isabelle Mansuy das Flagship-Forschungsprojekt STRESS. „Wir gehen eher davon aus, dass Resilienz die Fähigkeit ist, sich in Stressmomenten flexibel anzupassen."
Christian Ruff, Neurowissenschaftler im selben Projekt, beschreibt es so: „Resiliente Menschen zeichnen sich durch kognitive und emotionale Flexibilität aus. Sie können sich situativ optimal anpassen und sich danach möglichst rasch wieder ins Lot bringen." Wie Seiltänzer, die ihr Gleichgewicht halten, ohne abzustürzen. Nicht, weil sie nie wackeln. Sondern weil sie wissen, wie man sich fängt.
„Resiliente Menschen zeichnen sich durch kognitive und emotionale Flexibilität aus, durch das Vermögen, sich in Stressmomenten optimal anzupassen und sich danach rasch wieder ins Lot zu bringen."
Diese Flexibilität ist messbar. Kleim und Ruff haben zusammen mit dem Neuroökonomen Marcus Grüschow Medizinstudierende der UZH untersucht. Die Studierenden büffelten zunächst zwei Jahre lang Theorie, dann standen sie plötzlich in der Notfallstation. Ein massiver Stresstest. Die Forschenden wollten wissen: Wer kommt damit klar? Und warum?
Ein System im Hirnstamm entscheidet mit
Vor dem Praktikum machten die Studierenden einen Stresstest im Labor. Während sie im Magnetresonanztomografen lagen, wurden sie mit widersprüchlichen emotionalen Informationen konfrontiert. Die Forschenden interessierte vor allem eine Region: das Locus-Coeruleus-Norepinephrin-System (LC-NE) im Hirnstamm.
„Wenn wir in einer Belastungssituation sind, schüttet dieses System Noradrenalin aus", erklärt Ruff. „Das ist sozusagen unser körpereigenes Koffein." Es weitet die Pupillen, erhöht Blutdruck und Herzfrequenz, schärft Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Evolutionsbiologisch betrachtet stellt es den Körper auf Kampf ein.
Die entscheidende Erkenntnis: Studierende, deren LC-NE-System im Labor intensiver und länger auf Konflikte reagierte, berichteten nach dem Notfallpraktikum häufiger über Angst- und Depressionssymptome. Im Gegensatz dazu hatten ihre Kolleginnen und Kollegen mit flexiblerer Reaktion weniger Probleme. „Wo sich das Gehirn flexibler anpassen konnte, ist die Resilienz stärker ausgeprägt", sagt Ruff.
Training über die Pupille
Was zunächst nach reiner Grundlagenforschung klingt, hat praktische Konsequenzen. Denn über die Pupillen lässt sich von außen erkennen, wie stark das Erregungssystem aktiviert ist. „Das können wir für ein Neurofeedback-Training nutzen", sagt Kleim. Menschen lernen dabei spielerisch, ihr Stress-Erregungssystem selbst zu regulieren.
Aus dem Forschungsprojekt sind bereits zwei Start-ups entstanden, die solche Trainingstools entwickeln. Die Idee: Wer sein eigenes Stresslevel in Echtzeit sieht, kann lernen, es bewusst zu steuern. Nicht durch Willenskraft allein. Sondern durch Feedback, das zeigt, was wirkt.
Wenn Stress vererbt wird
Isabelle Mansuy, Neuroepigenetikerin im STRESS-Projekt, untersucht die langfristigen Folgen von chronischem Stress. Ihre Forschung mit Mäusen zeigt: Dauerstress verändert die epigenetische Signatur. Also die biologische „Steuerungssoftware" unserer Gene, die bestimmt, welche Gene aktiviert oder gehemmt werden.
„Chronischer Stress kann unseren ganzen Körper negativ beeinflussen", sagt Mansuy. „Gehirn, Immunsystem, Herz-Kreislauf, Blutbild, Knochenqualität und Mikrobiom." Besonders drastisch sind die Folgen von Stress in der frühen Kindheit. Instabile Beziehungen, Missbrauch, Vernachlässigung, physische und verbale Gewalt. „Die gesundheitlichen Folgen zeigen sich oft viel später im Leben", sagt Mansuy. „Viele Kinder bleiben deshalb undiagnostiziert."
Noch bemerkenswerter: Die negativen Konsequenzen können vererbt werden. Bei Mäusen zumindest. Die stressbedingten epigenetischen Veränderungen gehen an die nächste Generation weiter. Damit auch das Risiko für bestimmte Krankheiten. Aber, und das ist wichtig, auch Resilienz könnte epigenetisch vererbt werden. Denn längst nicht alle Menschen, die Dauerstress ausgesetzt waren, entwickeln später Krankheiten.
Lernen aus dem echten Leben
Objektiven Stress gibt es nicht. Wie Belastungen wahrgenommen werden, hängt stark von der einzelnen Person ab. Von ihrer Biologie, ihrer Biografie, ihrem Umfeld. Die Zürcher Forschenden untersuchen deshalb nicht nur im Labor, sondern auch im Alltag. Zusammen mit George Bonanno von der Columbia University, einem der führenden Resilienzforscher weltweit.
„Viele denken, Resilienz sei ein bestimmtes Merkmal einer Person oder es gebe gar ein Resilienz-Gen. Das ist aber unwahrscheinlich."
„Mit Hilfe von Smartphones können wir am Leben unserer Versuchspersonen teilnehmen", sagt Kleim. „Wir fragen sie regelmässig nach Stresssituationen und wie sie darauf reagiert haben." Die Forschenden erfassen, wie es den Studienteilnehmenden später im Tagesverlauf geht. Was funktioniert? Was nicht? Diese Daten sollen später in Verhaltenstrainings einfließen, in denen Menschen individuell neue Strategien einüben können.
Bonanno hat in drei Jahrzehnten Forschung gezeigt: Die meisten Menschen, etwa zwei Drittel, sind natürlicherweise resilient. Selbst nach traumatischen Ereignissen. Das widerspricht der gängigen Annahme, dass Trauma zwangsläufig zu langfristigen psychischen Schäden führt. Seine Botschaft: Wir sind auf Resilienz eingestellt. Nicht, weil wir unverwundbar sind. Sondern weil wir uns anpassen können.
Das Seiltanzen muss jeder selbst lernen
Die Schweizer Forschenden arbeiten an diagnostischen Bluttests, die Risiken für stressbedingte Erkrankungen frühzeitig erkennen sollen. Sie entwickeln Apps und Therapiekonzepte, die individuell auf Menschen zugeschnitten sind. Denn was dem einen hilft, kann den anderen belasten. Nicht allen liegen Atemübungen. Nicht jeder findet Entspannung beim Meditieren.
„Wir wollen Interventionen ermöglichen, bevor Probleme erst entstehen", sagt Ruff. „Lebensfreude, Vitalität und Energie stärken”.
Die Frage ist, ob wir danach wieder herunterfahren können. Ob wir flexibel genug sind, zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Ob wir eine negative Situation neu bewerten können. Die Psychologie nennt das „positive reappraisal". Wenn das Tram abfährt, können wir uns aufregen. Oder die Zeit nutzen, um zu atmen. Um Ideen zu sammeln. Um zu erkennen, dass die Welt wegen einer Verspätung nicht untergeht.
Am Ende ist Resilienz keine Frage des Charakters. Sie ist die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten, auch wenn der Boden wackelt. Und das lässt sich lernen.

