Die Nachbarin verliert ihren Job, zerbricht fast daran. Die Kollegin erlebt dasselbe, organisiert zwei Wochen später ein neues Projekt. Beide Menschen, dieselbe Krise. Völlig unterschiedliche Reaktionen. Was macht den Unterschied?
Psychische Widerstandskraft, die Fähigkeit, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern an ihnen zu wachsen, hat in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Coaches, Ratgeberautoren und Therapeuten vermarkten das Konzept vielversprechend. Die Botschaft klingt verlockend: Wer resilient genug ist, kann jede Krise überwinden. Doch so einfach ist es nicht.
Nicht allen fällt es leicht
Weltweit erkranken jährlich eine halbe Milliarde Menschen an einer psychischen Erkrankung. Stress, Traumata, kritische Lebensereignisse können Menschen aus der Bahn werfen. Manche erholen sich schneller, andere tragen langfristige Belastungen davon. Was unterscheidet diese beiden Gruppen?
Die Resilienzforschung versucht seit Jahrzehnten, genau das herauszufinden. Als Pionierin gilt die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner. Von 1955 an begleitete sie über 40 Jahre lang rund 700 Kinder auf der hawaiianischen Insel Kauai. Viele von ihnen wuchsen unter schwierigen Bedingungen auf: Armut, Alkoholprobleme, Gewalt in der Familie. Das Überraschende: Ein Drittel dieser Kinder entwickelte sich trotz widriger Umstände zu gesunden, erfolgreichen Erwachsenen.
Werners Studie legte die Basis für die moderne Resilienzforschung. Sie zeigte, dass psychische Widerstandskraft kein Zufall ist, sondern auf bestimmten Schutzfaktoren beruht, die Menschen entwickeln können.
Das Gehirn lässt sich umprogrammieren
Heute wissen Wissenschaftler mehr darüber, was im Gehirn passiert, wenn Menschen resilient reagieren. Am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz läuft seit Jahren das Mainzer Resilienz-Projekt (MARP). Forscher untersuchen dort mit bildgebenden Verfahren und Verhaltensstudien, welche Faktoren junge Menschen zwischen Adoleszenz und Erwachsenenalter widerstandsfähig machen.
„Um die gesellschaftliche Resilienz gegenüber Herausforderungen und Krisen zu stärken, ist es essenziell, Resilienz in Individuen und Gemeinschaften gleichermaßen zu stärken", betont Jun.-Prof. Dr. Sarah K. Schäfer vom Leibniz-Institut in einer aktuellen Studie aus dem Jahr 2024.
Die gute Nachricht: Resilienz ist trainierbar. Das Gehirn besitzt die Fähigkeit zur neuronalen Plastizität, es kann sich verändern. Selbst ausgesprochene Pessimisten können lernen, optimistischer zu denken, wenn sie ihr Gehirn gezielt trainieren. Die Grundausrüstung mag genetisch unterschiedlich sein, doch viele resilienzstärkende Faktoren lassen sich lebenslang weiterentwickeln.
Sieben Faktoren, die Schutz bieten
Die Forschung hat verschiedene Resilienzfaktoren identifiziert, die wie ein mentales Immunsystem wirken. Besonders bekannt ist das Modell der sieben Säulen der Resilienz, ursprünglich entwickelt von der Diplompsychologin Ursula Nuber.
Zu diesen Faktoren gehören: Optimismus, also die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen Chancen zu sehen. Nicht als toxisches Schönreden, sondern als gesunde Balance zwischen realistischer Einschätzung und Hoffnung. Akzeptanz, die Fähigkeit anzuerkennen, was sich nicht ändern lässt. Lösungsorientierung, der Fokus auf das, was getan werden kann statt auf das Problem selbst.
Weitere Schutzfaktoren sind die Selbstwirksamkeit, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, und die Verantwortungsübernahme, die Bereitschaft, aus der Opferrolle herauszutreten. Dazu kommen soziale Netzwerke, die in Krisenzeiten Halt geben, und eine Zukunftsorientierung, die hilft, trotz Rückschlägen weiterzuplanen.
„Resilienz ist das Ergebnis eines Bewältigungsprozesses und kann als eine dynamische, variable, situationsspezifische und multidimensionale Entwicklung gelten."
Wenn Resilienztraining nicht ausreicht
Doch es gibt auch kritische Stimmen. Nicht jede Krise ist durch Resilienz zu bewältigen. Das betont das Deutsche Ärzteblatt in einer Übersicht von 2024: Die populärwissenschaftliche Verbreitung des Resilienz-Konzepts vermittle zuweilen den Eindruck, als könne jeder alle Krisen überwinden, wenn er nur resilient genug sei. Diese Sichtweise negiere, dass es Situationen gibt, die ein Einzelner nicht bewältigen kann.
Zudem kritisieren Forscher, dass sich viele Resilienz-Trainings nicht an aktuellen wissenschaftlichen Konzepten orientieren. Sie arbeiten selten mit realen Stressoren und werden kaum überprüft, obwohl Resilienz Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Es fehlt oft an Trainings für Menschen, die Unterstützung wirklich benötigen.
Auf mehreren Ebenen fördern
Eine im November 2024 veröffentlichte Studie des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung zeigt: Resilienzförderung muss auf mehreren Ebenen erfolgen. Individuelle Faktoren allein reichen nicht. Soziale Unterstützungsnetzwerke und stabile gesellschaftliche Strukturen sind ebenso wichtig, um Menschen in Krisen zu stärken.
Die Forschung öffnet sich dabei für aktuelle Themen. Die Zunahme an Geflüchteten führte zur Entwicklung spezieller Resilienz-Trainings. Die Corona-Pandemie zeigte, wie wichtig psychische Gesundheit für die Bevölkerung ist. Neue Forschungsansätze beziehen nicht mehr nur Kinder und Jugendliche ein, sondern zunehmend das Erwachsenen- und Seniorenalter. Auch Gruppen, Familien, Unternehmen und ganze Gesellschaften werden untersucht.
Die Hirnforschung richtet ihr Interesse verstärkt auf kognitive und neuronale Vorgänge. Welche Rolle spielen Struktur und Funktion des Gehirns für Resilienz? In Mainz versuchen Wissenschaftler, genau das zu verstehen. Sie wollen herausfinden, warum manche Menschen trotz Belastungen keine oder weniger stressbedingte psychische Erkrankungen entwickeln als andere.
Was Menschen wirklich hilft
Was also können Menschen praktisch tun? Zunächst: Selbstreflexion. Wer sich seiner eigenen Stärken und Schwächen bewusst ist, kann gezielt an den Faktoren arbeiten, die weniger ausgeprägt sind. Es hilft, Stressoren rechtzeitig zu erkennen und Strategien zur Bewältigung zu entwickeln.
Konkrete Übungen können unterstützen. Etwa ein Dankbarkeitstagebuch, in dem täglich drei positive Erlebnisse notiert werden. Oder das bewusste Wahrnehmen von Emotionen, um besser damit umgehen zu lernen. Oder der Aufbau tragfähiger sozialer Beziehungen, in denen Austausch möglich ist.
„Menschen mit höherem Optimismus nutzen adaptivere Bewältigungsstrategien zur Stressreduzierung."
Doch auch hier gilt: Nicht jeder Mensch kann das allein schaffen. Manche Situationen überfordern. Manchmal braucht es professionelle Unterstützung durch Psychotherapie oder medizinische Begleitung. Resilienz-Strategien können dabei begleitend eingesetzt werden und zum Selbstmanagement beitragen.
Kein Schutzschild gegen alles
Resilienz trainieren lohnt sich. Die Wissenschaft zeigt, dass Menschen ihre psychische Widerstandskraft stärken können. Die sieben Faktoren bieten Anhaltspunkte, wo angesetzt werden kann. Doch realistische Erwartungen sind wichtig. Resilienz ist trainierbar. Aber sie schützt nicht vor allem.
Und manchmal hilft vielleicht am meisten, sich bewusst zu machen: Nicht jede Krise muss allein bewältigt werden. Resilienz bedeutet auch, um Hilfe zu bitten, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr ausreichen. Das ist keine Schwäche. Sondern eine Form von Selbstfürsorge, die ebenfalls zur psychischen Widerstandskraft gehört.

