Auf TikTok und Instagram sind es nur drei Buchstaben, die eine ganze Generation beschreiben: "Not me buying a little treat for coping, again!" Die Ironie ist nicht zu übersehen. Junge Menschen posten über ihre "Coping-Mechanismen" mit einer Mischung aus Selbstironie und Verzweiflung. Memes statt Therapie. Onlineshopping statt Selbstfürsorge. Was wie ein digitaler Scherz daherkommt, offenbart bei genauerem Hinsehen eine ernste Realität: Eine Generation versucht, ihre psychische Überlastung mit psychologischen Fachbegriffen zu fassen. Der Trend zum "Therapy-Speak" mag nerven. Doch wenn Abertausende junger Menschen ihren Alltag so beschreiben müssen, sollte das zu denken geben.
Eine Generation unter Druck
Die Zahlen sind eindeutig. 51 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen leiden unter regelmäßigem Stress, wie die Trendstudie "Jugend in Deutschland 2024" zeigt. Inflation bereitet 65 Prozent Sorgen, Kriegsängste plagen 60 Prozent, bezahlbarer Wohnraum beschäftigt 54 Prozent. Die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die seit 2020 die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen untersucht, liefert weitere beunruhigende Befunde: 21 Prozent der jungen Menschen berichten von einer geminderten Lebensqualität. Das sind fünf Prozent mehr als vor der Pandemie.
Die Reaktion der Gesellschaft? Oft genug eine Mischung aus Abwertung und Ungeduld. Zu empfindlich, zu fordernd, zu wenig belastbar, so lauten die Vorwürfe. Das alte Narrativ von der "verweichlichten Jugend" wird ritualisiert bemüht, gerade wenn es um Arbeitszeitdebatten geht. Dabei zeigen Statistiken das Gegenteil: Die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen ist derzeit so hoch wie seit Langem nicht.
"Wer die Lage ernst nimmt, muss auch die Frage stellen, wer für die Resilienz der Jugend eigentlich verantwortlich ist."
Die Bezeichnung "Generation Krise" ist längst kein Schlagwort mehr, sondern nüchterne Beschreibung. Corona-Pandemie, Klimakrise, Kriege, explodierende Lebenshaltungskosten. Als vulnerable Gruppe ohne echte politische Vertretung sind junge Menschen von diesen sich überlagernden Krisen besonders betroffen. Und sie fühlen sich ohnmächtig.
Was Resilienz wirklich bedeutet
Resilienz, das Wort fällt derzeit inflationär. Es klingt nach der Lösung für alles, nach einem Schutzschild gegen die Zumutungen der Welt. Doch was die wenigsten wissen: Resilienz ist kein Zauberwort. Der Begriff wird oft mit Härte oder gar Unverwundbarkeit gleichgesetzt, einem Zustand, den weder Individuen noch Gesellschaften je erreichen können. Resilienz ist viel mehr. Und zugleich viel weniger.
Die US-Psychologin Emmy Werner lieferte ab 1955 mit ihrer legendären Langzeitstudie auf der hawaiianischen Insel Kauai entscheidende Erkenntnisse. Über vier Jahrzehnte begleitete sie mehr als 700 Kinder in ihrer Entwicklung, viele davon unter widrigen Bedingungen aufgewachsen: Armut, instabile Familienverhältnisse, psychisch kranke Eltern. Ein Drittel dieser Kinder entwickelte sich trotzdem zu psychisch gesunden Erwachsenen. Werners Schlussfolgerung: Resilienz ist erlernbar.
Die Forschung bestätigt das. Dr. Isabella Helmreich vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz erklärt: "Resilienz hat zwar eine genetische Komponente, aber ein großer Teil ist auch erlernbar." Studien gehen davon aus, dass Resilienz nur zu 30 bis 50 Prozent genetisch bedingt ist. Der Rest entwickelt sich durch das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt.
Das simpelste Bild für Resilienz ist eine Sprungfeder, die nach starker Spannung in ihren Ursprungszustand zurückkehrt. Doch die Realität ist komplexer. Resilienz geht weit über bloße "Coping"-Fähigkeiten hinaus. Sie umfasst Bewältigungsstrategien, Anpassungsfähigkeit und die Kraft zur Transformation. Von jungen Menschen zu erwarten, sie würden diese Fähigkeiten intuitiv entwickeln, während sie mit Klimawandel, autoritären Regimen und Kriegsgefahr konfrontiert sind, ist unrealistisch. Und unfair.
Eine Aufgabe für alle
Die Verantwortung für Resilienz darf nicht ausschließlich auf die Individuen ausgelagert werden. Das gilt für die junge Generation, die häufig mehrfach marginalisiert ist, in besonderem Maße. Zum einen würde damit die politische Verantwortung verkannt, die zu dieser Situation geführt hat. Zum anderen sind die Schritte zur persönlichen Widerstandsfähigkeit kein Sprint, sondern ein Marathon.
Schulen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie erreichen nahezu alle jungen Menschen. Doch mit einem Schulfach "Resilienz" allein wäre es nicht getan. Der Bildungsjournalist Bent Freiwald formuliert es treffend: Es gehe vielmehr darum, "das Zusammenleben in der Gesellschaft so zu organisieren, dass nicht schon der Großteil der Kinder mit psychischen Problemen zu kämpfen hat".
Die Resilienz der Jugend ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und damit auch ein politischer Auftrag. Sie kann nur im Zusammenspiel von Schule, außerschulischer Bildung, Zivilgesellschaft, Familie und sozialen Netzen gelingen. Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen und die Bedürfnisse der Jugend priorisieren. Nicht nur, weil körperliche und psychische Gesundheit ein Grundrecht ist. Die Resilienz der Jugend ist auch entscheidend für das Fortbestehen einer unter Druck stehenden Demokratie.
Demokratie braucht resiliente Bürger
Eine widerstandsfähige Demokratie braucht eine funktionierende Zivilgesellschaft: Menschen, die ein Grundvertrauen in die Demokratie haben und ihre Prozesse gleichzeitig kritisch hinterfragen, Spannungen aushalten und als aktive Bürgerinnen und Bürger am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Verliert man bereits die jungen Menschen für diese Aufgabe, ist das fatal. Wer jedoch psychisch über die Maße belastet wird, ist selten in der Lage, diese Aufgabe wahrzunehmen.
Die COPSY-Studie zeigt: Kinder mit starken sozialen und familiären Ressourcen haben eine bessere psychische Gesundheit und sind weniger von Ängsten und depressiven Symptomen betroffen. Dagegen sind Kinder aus Familien mit geringem Bildungsniveau, die in beengten Wohnverhältnissen aufwachsen und deren Eltern psychisch belastet sind, besonders gefährdet. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen wird in sozialen Medien regelmäßig mit belastenden Inhalten konfrontiert, darunter ungefilterte Nachrichten über globale Krisen.
Was die Jugend selbst leistet
Und die Jugend selbst? Im Strudel der Polykrise hat sie es geschafft, ihre Situation zu erkennen, zu verbalisieren und sich, zumindest im Digitalen, Räume nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Etwas, das viele Generationen vor ihr nicht geschafft haben. Hinter Forderungen nach der Vier-Tage-Woche steckt daher selten Arbeitsscheu, sondern der Wunsch nach einem Alltag, der Raum für mentale Gesundheit bietet.
Das ist ziemlich resilient. Es hätte Respekt verdient, statt Abwertung.
Meta-Analysen zeigen, dass höhere Resilienz mit höherer psychischer Gesundheit einhergeht. Der Zusammenhang ist mit mittlerer Effektstärke belegt, wird aber von weiteren Faktoren beeinflusst. Mit zunehmendem Alter verringert sich der Zusammenhang zwischen Resilienz und negativen Indikatoren wie Ängsten und Depressionen. Bei weiblichen Personen hat Resilienz einen stärkeren Effekt auf die psychische Gesundheit als bei männlichen.
Praktische Schritte, keine Patentrezepte
Die American Psychological Association hat mit ihrer "Road to Resilience" ein Modell entwickelt, das zeigt: Resilienz lässt sich in kleinen Schritten trainieren. Selbstfürsorge, soziale Bindungen, realistische Ziele, das Akzeptieren von Veränderungen als Teil des Lebens. Es sind keine revolutionären Erkenntnisse, aber wirksame Schritte, wenn sie im richtigen Umfeld möglich sind.
Die junge Generation hat längst verstanden, dass sie Unterstützung braucht. Sie hat es ausgesprochen, oft mit den Mitteln ihrer Zeit: in Memes, in Posts, in ironischen Kommentaren über ihre "Coping"-Strategien. Vielleicht sollte die ältere Generation endlich zuhören. Nicht mit dem Vorwurf der Empfindlichkeit, sondern mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Resilienz ist keine Zauberkraft. Sie ist eine Aufgabe, die wir gemeinsam stemmen müssen. Nur so wird die "Generation Krise" eine Chance haben, zu einer Generation der Stärke zu werden.

